Einleitung
Industriecluster sind kein neues Konzept, doch die Art und Weise, wie für sie geworben wird, befindet sich in einer deutlichen Umbruchphase. In den vergangenen zwanzig Jahren waren lokale Regierungen und Parkbetreiber es gewohnt, die lokale industrielle Basis mit dem Dreiklang aus „Standort, Kosten und Politik“ vorzustellen; doch heute neigen Entscheider – ob bei F&E-orientierten FDI oder bei produktionsorientierten Investitionsprojekten – zunehmend dazu, eine andere Gruppe von Fragen zu stellen: Wie lange dauert es, bis eine Technologie hier vom Labor in die Serienproduktion gelangt? Wer schließt Lücken in der Lieferkette? Gibt es vor Ort eine von Dritten verifizierbare Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Universitäten?
Der 2012 veröffentlichte Forschungsbericht der US-Nationalakademie der Wissenschaften, „Rising to the Challenge: U.S. Innovation Policy for the Global Economy“, formulierte in dem Kapitel „Cluster und regionale Initiativen“ eine Einschätzung: Der Wettbewerb zwischen Regionen ist längst nicht mehr nur ein Ringen zwischen Bundesstaaten und zwischen Städten um Unternehmensinvestitionen, sondern ein Wettbewerb mit jenen nationalen und regionalen Regierungen, die systematische Clusterstrategien umsetzen. Diese Einschätzung gilt auch mehr als zehn Jahre später noch und wird vor dem Hintergrund der Neuordnung globaler Lieferketten weiter verstärkt.
Dieser Beitrag behandelt drei Punkte: warum ein Großteil der Cluster-Promotion versagt; welche gemeinsamen Muster in der internationalen Praxis erkennbar geworden sind; und welcher wiederverwendbare methodische Rahmen existiert.
I. Problem und Hintergrund: Drei Fehlausrichtungen in der Cluster-Promotion
Fehlausrichtung eins: Ein Cluster wird als Branchenliste behandelt.
Die Struktur der meisten Präsentationsmaterialien für Industrieparks ist weitgehend ähnlich: Es werden Leitbranchen, die Zahl der ansässigen Unternehmen, Werksflächen und Steuervergünstigungen aufgelistet. Doch der wirtschaftliche Wert eines Industrieclusters entsteht nicht durch die bloße Anhäufung von Unternehmen. Michael Porter betont bei der Erörterung der Cluster-Wettbewerbsfähigkeit, dass regionale Vorteile aus jenem „Wissen, Beziehungen und jener Dynamik“ entspringen, die „von weit entfernten Wettbewerbern nicht kopiert werden können“. Das bedeutet, dass die wahren Vermögenswerte eines Clusters die Dichte der Beziehungen und die Effizienz des Wissensflusses sind – nicht eine Liste, die man auf der Website abhaken kann. Wenn Werbematerialien nur zeigen, „wie viele Unternehmen es gibt“, umgehen sie tatsächlich die Frage, die Investoren am meisten interessiert: „Was geschieht zwischen ihnen?“
Fehlausrichtung zwei: Promotion wird als Werbung verstanden, nicht als Darstellung eines Ökosystems.
Die Erfahrungen mit dem Hsinchu Science Park in Taiwan werden häufig angeführt: Forschungs- und Fertigungsfunktionen sind eng gekoppelt, die gesamte Wertschöpfungskette vollzieht innerhalb desselben Clusters die Fertigung und Kommerzialisierung von Technologie, und die Distanz zwischen Laborergebnissen und Serienproduktion wird verkürzt. Im Vergleich dazu gab es in einigen US-Clustern eine andere Situation: Lokale Unternehmen entwickelten vielversprechende Technologien, lagerten aber die Fertigung aus, weil ein Großteil der Wertschöpfungskette in Asien lag. Ein Kooperationsfall im Bereich Nanomaterialien spiegelt diese Logik wider: Der Technologieentwickler entschied sich für eine Zusammenarbeit mit asiatischen Fertigungspartnern, um deren Erfahrung in der skalierenden Produktion zu nutzen.
Die Implikation dieses Vergleichs für die Promotionsarbeit ist unmittelbar: Ein Cluster, das „innovativ ist, aber keine Serienproduktion hat“, ist in den Augen von Investoren unvollständig. Selbst die schönste Werbesprache kann die Lücken in der Kette nicht ausgleichen.
**Fehlausrichtung drei: Politische Investitionen werden mit Clusterbildung gleichgesetzt.**Die Geschwindigkeit, mit der sich Clusterpolitik weltweit ausbreitet, hat die rigorose Bewertung ihrer Wirksamkeit bereits überholt. Forschende weisen sogar darauf hin, dass die Clusterpolitik nicht nur dem Clusterpotenzial voraus ist, sondern auch vor dem Verständnis von Clusterphänomenen in Theorie und empirischer Forschung. Ein daraus resultierendes verbreitetes Phänomen ist: zuerst einen Park bauen, Straßen anlegen, Inkubatoren errichten und dann zurückblicken, um eine Cluster-Geschichte zu finden, die sich erzählen lässt. Die Vermarktung wird dadurch zur nachträglichen Verpackung bereits getätigter Investitionen statt zum Ausdruck tatsächlicher industrieller Fähigkeiten.
Darüber hinaus gibt es eine noch subtilere Verschiebung: die Templatisierung der Narrative. Wenn Dutzende Städte mit derselben Sprache ihre „Standortvorteile, Kostenvorteile und politischen Vorteile“ beschreiben, sind diese Aussagen aus Sicht von Investoren austauschbar und daher wirkungslos. Die Entstehung des Research Triangle Park in North Carolina beruhte nicht auf einer einmaligen Kommunikationskampagne, sondern auf früher, substanzieller und langfristiger öffentlicher und privater Unterstützung – eine Erfahrung, die sich kaum auf einen Slogan reduzieren lässt.
II. Internationale Praxis und Trendbeobachtungen
Von der „technologiebasierten Entwicklung“ zur „innovativen Wirtschaftsentwicklung“.
In den vergangenen gut zehn Jahren hat sich auf Ebene der US-Bundesstaaten und Regionen ein konzeptioneller Wandel in der Wirtschaftsentwicklung vollzogen: von einem Entwicklungsmodell, das auf Technologie- und Infrastrukturinvestitionen ausgerichtet war, hin zu einem Modell, das auf Talente, Infrastruktur, Produktivitätswachstum, offene Innovationssysteme und globale Vernetzung setzt. Diese Formulierung stammt von Praktikern der Wirtschaftsförderungsagentur des Bundesstaates Washington und repräsentiert den Konsens eines erheblichen Teils der regionalen Wirtschaftsbehörden. Für die Cluster-Vermarktung bedeutet das, dass sich der Schwerpunkt der Erzählung von „Was wir gebaut haben“ zu „Was wir kontinuierlich hervorbringen können“ verschieben muss.
Unterschiedliche Entstehungsmechanismen – das Vermarktungsdrehbuch darf nicht dasselbe sein.
Einer der am leichtesten übersehenen Punkte internationaler Erfahrungen ist: Die Entstehungswege von Clustern unterscheiden sich grundlegend. Silicon Valley und die Region entlang der Route 128 bei Boston sind eher das Produkt der Interaktion zwischen dem Privatsektor und Universitäten, die umfangreiche föderale Forschungsmittel erhalten; der Anteil staatlicher Planung war relativ begrenzt. Der Research Triangle Park dagegen ist das Ergebnis langfristiger, geduldiger und substanzieller gemeinsamer öffentlicher und privater Investitionen.
Das bedeutet, dass es kein allgemeingültiges Drehbuch für die Cluster-Vermarktung gibt. Praktiker müssen zunächst beurteilen, zu welchem Entstehungsmechanismus der lokale Cluster gehört: zum marktgetriebenen Bottom-up-Typ, zum politikgeförderten Top-down-Typ oder zu einer Mischung aus beiden. Beim marktgetriebenen Clustertyp liegt der Vermarktungsschwerpunkt darauf, „das bereits bestehende Kooperationsnetzwerk nach außen sichtbar zu machen“; beim politikgeförderten Clustertyp liegt er darauf, „zu belegen, dass sich ein Kooperationsnetzwerk gerade herausbildet, und überprüfbare Fortschritte aufzuzeigen“. Wird das falsche Drehbuch verwendet, verliert die Vermarktung ihren Fokus.
Cluster in Schwellenländern und globale Wertschöpfungsketten.
Forschende, die sich seit Langem mit Clusterphänomenen in Asien befassen, weisen darauf hin, dass sich der Aufstieg neuer Industriemächte wie China und Indien nicht ohne die darin eingebetteten industriellen Clusterphänomene verstehen lässt – diese sind häufig in institutionellen Rahmen wie Sonderwirtschaftszonen und wissenschaftlich-industriellen Parks angesiedelt. Zugleich erinnern die Forschenden daran, dass die intellektuellen Werkzeuge, mit denen Cluster in der entwickelten Welt verstanden wurden, im neuen Kontext von Globalisierung, globalen Produktionsnetzwerken und globalen Wertschöpfungsketten erneut angewendet werden müssen.Das hat praktische Implikationen für Investitionsförderagenturen: Cluster-Vermarktung bewegt sich von „Benchmarking gegen eine Starregion“ hin zu „an der eigenen Position in der globalen Wertschöpfungskette zu erklären, welches Glied man unersetzlich besetzt“. Zuzugeben, nicht Silicon Valley zu sein, kann die Erzählung sogar glaubwürdiger machen.
Veränderungen in der Bewertungslogik von Investoren.
Aus Kommunikationssicht betrachtet verändert sich die Art und Weise, wie Investoren Cluster-Informationen einer Due Diligence unterziehen. Das Gewicht von Politikdokumenten und Imagefilmen sinkt, das von verifizierbaren Kollaborationsnachweisen steigt: gemeinsame F&E-Projekte, gemeinsam genutzte Pilot- und Prototypenanlagen, gemeinsame Nachwuchsfördermechanismen, Dichte lokaler Zulieferer, Aktivität von Frühphasenkapital und Exit-Historie. Diese Faktoren lassen sich kaum schönfärben, sind aber genau der Schlüssel dafür, ob ein Cluster die nächste Investorengruppe anziehen kann.
III. Methodischer Rahmen: Die vierstufige Evidenzstruktur der Cluster-Vermarktung
Übersetzt man die obigen Beobachtungen in eine operationalisierbare Methode, lassen sie sich zu einer „vierstufigen Evidenzstruktur“ zusammenfassen. Sie löst nicht das Problem der Kommunikationstechnik, sondern hilft Institutionen, vor dem Sprechen zu prüfen, ob sie überhaupt etwas zu erzählen haben.
Erste Ebene: Funktionale Evidenz – Vollständigkeit der Kette.
Bei der Beschreibung eines lokalen Clusters geht es um eine Kettenlandkarte, nicht um eine Unternehmensliste: Welche Schlüsselglieder sind lokal? Welche Glieder hängen von außen ab? Von wem, auf welche Weise und in welchem Zeitraum können Lücken geschlossen werden? Für F&E-orientierte und fertigungsorientierte Investoren entscheidet diese Informationsschicht über Machbarkeit und Geschwindigkeit der Projektansiedlung.
Zweite Ebene: Kollaborationsevidenz – Beziehungsdichte.
Kollaboration muss durch Dritte verifizierbar sein: gemeinsame Labore, gemeinsam genutzte Geräte und Pilotplattformen, Branchenallianzen, gemeinsame Nachwuchsförderprogramme, tatsächliche Transaktionsnachweise von Technologietransferbüros. Die Daten müssen nicht glanzvoll sein, aber nachvollziehbar und überprüfbar.
Dritte Ebene: Kapitalevidenz – Frühphasenkapital und Hebeleffekte.
Die Rendite öffentlicher F&E-Investitionen zeigt sich oft in unternehmerischen und investiven Aktivitäten innerhalb des Clusters. Die Dichte von Frühphasenkapital, die Zahl der Finanzierungs- und Investitionsfälle sowie der Anteil, mit dem öffentliche Mittel privates Kapital mobilisieren, sind praktische Indikatoren zur Messung der Cluster-Aktivität.
Vierte Ebene: Narrative Evidenz – die fachliche Identität einer Region.
Kann eine Region in einem bestimmten Technologiefeld von außen mit einem Satz präzise beschrieben werden? Diese „fachliche Identität“ ist keine Selbstzuschreibung, sondern das Ergebnis wiederholter Zitierung durch internationale Fachmedien, Analysehäuser und Investorengemeinschaften. Sie baut auf den vorherigen drei Evidenzebenen auf und ersetzt sie nicht.
IV. Umsetzungspfad: Ein dreistufiges Modell
Stufe eins: Diagnose. Kein Branchenkatalog, sondern eine Kettenlandkarte und eine Lückenkarte. Die Kernfrage lautet: Welche Fähigkeiten sind unter den vorhandenen lokalen Bedingungen wirklich schwer zu kopieren? Welche Fähigkeiten sind nur Wünsche in Politikdokumenten?
Stufe zwei: Organisation. Die Träger der Vermarktung von einer einzelnen Ansiedlungsbehörde zu einem Netzwerk von Cluster-Betreibern erweitern: Branchenverbände, Technologietransferstellen von Universitäten, führende Unternehmen, Frühphaseninvestoren, Berufsbildungseinrichtungen. Cluster-Vermarktung ist im Kern kontinuierliches organisatorisches Handeln, nicht eine einmalige Kommunikationskampagne.Phase drei: Ausdruck. Belege statt Adjektive, konkrete Fragen statt pauschaler Vorteile. Für unterschiedliche Zielgruppen maßgeschneiderte Narrative: Forschungsorientierte Investoren interessieren sich für Talente und Forschungskooperation, produzierende Investoren für Lieferantendichte und Serienfertigungskapazität, internationale Fachkräfte für Karrierewege und Ökosystemaktivität.
Risikohinweise.
Erstens: übermäßige Versprechen vermeiden. Wenn in der Werbung versprochene Fähigkeiten bei der Due Diligence vor Ort nicht eingelöst werden können, verliert man nicht bloß eine Gelegenheit, sondern den langfristigen Ruf der Region. Zweitens: vermeiden, die Erfolge einzelner Unternehmen als Gesamtfähigkeit des Clusters zu verpacken – Investoren können beides in der Regel unterscheiden. Drittens: vermeiden, dass das Narrativ von der Entwicklungsphase der Branche entkoppelt ist. Cluster in der frühen Phase der Faktorakkumulation, die sich selbst in der Sprache eines reifen Ökosystems beschreiben, legen dadurch erst recht die Kluft offen.
Fünf: Beachtenswerte neue Richtungen
Datengesteuerte Cluster-Intelligenz. Unternehmensgraphen, Daten zu Lieferkettenbeziehungen, Patent- und Talentmobilitätsanalysen verwandeln Cluster-Promotion zunehmend von einer rhetorischen Aktivität in auditierbare Aussagen. Wenn Institutionen in der Lage sind, Kettenstruktur und Kooperationsintensität mit Daten zu belegen, hängt die Glaubwürdigkeit der Kommunikation nicht mehr vom Niveau der Werbetexte ab.
Transmissionseffekte der Neustrukturierung globaler Wertschöpfungsketten. Die Themen Lieferkettenresilienz und Diversifizierung haben „die Kettenvollständigkeit des Clusters“ von einem Pluspunkt zu einer Variable erster Ordnung für Investitionsentscheidungen aufgewertet. Regionen, die klar darlegen können, wo sie in Schlüsselgliedern stehen und wie schwer sie zu ersetzen sind, werden leichter in die Kandidatenliste aufgenommen.
Langfristige Entwicklung des Investorenverhaltens. Die Projektbewertung verschiebt sich von der Kostensuche zur Fähigkeitssuche. Das bedeutet, dass die Sprache der Cluster-Narrative von „Kostenvorteil“ zu „Fähigkeit und Geschwindigkeit“ wechseln muss: Geschwindigkeit der Technologieumsetzung, Geschwindigkeit der Lieferkettenreaktion, Geschwindigkeit der Talentversorgung.
Ergänzung durch Governance- und Evaluierungsmechanismen. Die Warnung, dass Clusterpolitik dem empirischen Verständnis vorauseilt, bleibt gültig. Die Einrichtung regelmäßiger Evaluierungs- und Narrativkorrekturmechanismen – mit tatsächlichen Investitionsansiedlungen die Wirksamkeit der Promotionsstrategie rückzuprüfen – sollte zur Standardausstattung der Cluster-Promotion werden, nicht zur optionalen Ergänzung.
Steigende Hürden im Kommunikationsumfeld. Internationale Fachmedien, Investmentanalysten und Investoren-Communities bilden mehrere Gatekeeper. Ob ein Cluster-Narrativ Bestand hat, hängt davon ab, ob es externen Zitaten und Kreuzvalidierungen standhält, und nicht nur davon, ob es auf der eigenen Website in sich stimmig ist.
Fazit
Die eigentliche Schwierigkeit der Promotion von Industrieclustern liegt nicht in der Kommunikation, sondern in der faktischen Grundlage. Wenn vor Ort tatsächlich dichte Kooperation, vollständige Ketten und aktives Frühkapital vorhanden sind, ist der Ausdruck relativ einfach; wenn diese Elemente noch nicht geformt sind, kann selbst ein noch so ausgefeiltes Narrativ nur kurzfristige Aufmerksamkeit halten.
Dies stellt neue Anforderungen an die Kompetenzstruktur der Praktiker: von „Fähigkeit zu Werbetexten für die Ansiedlung“ zu „Fähigkeit zur Industrieanalyse und Ökosystemorganisation“. Ketten verstehen, Lücken identifizieren, Kooperation organisieren, Fortschritt verifizieren – diese Arbeiten finden größtenteils vor der Kommunikation statt und bestimmen auch deren Obergrenze.Der Wettbewerb zwischen Regionen wird weitergehen, und er wird direkter sein als in der Vergangenheit. Für Investitionsförderagenturen ist jedoch vielleicht nicht das Wichtigste, eher als andere eine lautere Geschichte zu erzählen, sondern sicherzustellen, dass die eigene Geschichte auch dann noch Bestand hat, wenn die Investoren vor Ort angekommen sind.