Paradigmenwechsel in der Förderung von Industrieclustern: Von der Standortvermarktung zum Innovationsökosystem

Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung sind Industriecluster zu einem zentralen Vehikel für die Anwerbung ausländischer Investitionen geworden. Viele Investment Promotion Agencies (IPAs) halten jedoch weiterhin an der traditionellen Vermarktungslogik „günstige Faktoren + Steuervergünstigungen“ fest, wodurch die Wirkung ihrer Kommunikation zunehmend nachlässt. Dieser Artikel stützt sich auf die langjährigen Beobachtungen regionaler Innovationscluster durch internationale Forschungseinrichtungen wie die US-amerikanische National Academy und analysiert Trends, Irrtümer und gemeinsame Methoden der globalen Clusterförderung. Darauf aufbauend wird ein praxisorientierter Rahmen zur Vermittlung des Clusterwerts an internationale Investoren vorgeschlagen.

1. Problem und Hintergrund: Warum traditionelle Clusterförderung wirkungslos wird

In den vergangenen Jahrzehnten drehte sich der regionale Wettbewerb im Kern um Faktorkosten. Land, Arbeitskräfte und Steuererleichterungen waren die „drei Klassiker“ der Investitionswerbung. Doch heute bewerten Investoren bei der Standortwahl zuerst, ob sie Zugang zu kontinuierlicher Innovationsfähigkeit und Marktchancen erhalten. Ein Cluster ist nicht mehr nur eine einfache geografische Konzentration, sondern ein dynamisches Ökosystem aus Talenten, Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Kapital und professionellen Dienstleistungen.

Dennoch betonen viele IPA-Werbematerialien weiterhin nur „vorteilhafte Lage, gute Verkehrsanbindung, niedrige Arbeitskosten“. Diese Kommunikationsweise hat drei grundlegende Schwächen: Erstens wird die Wahrnehmungsdifferenz ignoriert – internationale Investoren könnten in ihrer Wahrnehmung der Region noch zehn Jahre zurückliegen. Zweitens fehlt ein differenziertes Wertversprechen – wenn alle Regionen sich als „heißes Pflaster für Investitionen“ bezeichnen, sagt das nichts aus. Drittens wird nicht auf die Fragen eingegangen, die Investoren wirklich beschäftigen – sie wollen wissen, ob es hier Partner gibt, mit denen man gemeinsam Probleme lösen kann, ob hochqualifizierte Fachkräfte verfügbar sind und ob es Kapital gibt, das Risiken eingeht.

Die US-amerikanische National Academy wies in ihrem Bericht „Rising to the Challenge“ von 2012 darauf hin, dass die regionale Wirtschaft der USA einem globalen Wettbewerb ausgesetzt sei: Regierungen in Europa, Asien und Lateinamerika förderten systematisch Innovationscluster, indem sie in Universitäten, öffentlich-private Forschungskooperationen, Arbeitskräftequalifizierung, Frühphasen-Kapitalfonds und modernisierte Wissenschaftsparks investierten. Diese Regierungen verfügten zudem über finanzielle Anreizinstrumente, die regionale Regierungen nicht bereitstellen könnten. Das bedeutet: Die Zeit des reinen Subventionswettbewerbs ist vorbei; der Wettbewerb zwischen Industrieclustern ist im Kern ein Wettbewerb der Innovationsökosysteme.

Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist die Annahme „Wissenschaftspark gleich Cluster“. Viele Städte investieren in den Bau von Wissenschaftsparks, doch zwischen den ansässigen Unternehmen bestehen keine Geschäftsbeziehungen und es fehlt an Wissens-Spillover-Effekten – am Ende entsteht ein „Park mit Fabriken, aber ohne Cluster“. Ein wirklich wertvoller Cluster entsteht, wenn Unternehmen und Institutionen Kooperationsnetzwerke bilden, gemeinsam neue Produkte und Verfahren entwickeln und Laborergebnisse kommerzialisieren.

2. Internationale Praxis und Trendbeobachtung: Von „Förderpolitik“ zu „Innovationsökosystem“

Weltweit vollzieht sich in der Förderung von Industrieclustern ein Paradigmenwechsel. Mario Pezzini von der OECD fasst dies als „neues Paradigma der Regionalpolitik“ zusammen – Regierungen subventionieren nicht länger direkt Unternehmen oder rückständige Regionen, sondern investieren in öffentliche Güter, um Industrie, Universitäten und Gemeinden wettbewerbsfähig zu machen.In den USA waren frühe Cluster wie das Silicon Valley und die Route 128 spontan entstanden; das Zusammenspiel von Regierung und Universitäten förderte eine Innovationskultur. Der Research Triangle Park in North Carolina hingegen ist das Ergebnis einer bewussten, langfristigen öffentlich-privaten Zusammenarbeit. In den letzten Jahren hat die US-Bundesregierung begonnen, regionalen Innovationsclustern mehr Aufmerksamkeit zu schenken, und auch die Bundesstaaten haben sich einer „innovationsbasierten Wirtschaftsentwicklung“ zugewandt, die sich auf Talente, Infrastruktur, Produktivitätswachstum, offene Innovationssysteme und globale Vernetzung konzentriert.

In Asien zeigt der Wissenschaftspark Hsinchu in Taiwan ein eng verzahntes Modell von „Forschung und Fertigung“ – die gesamte Wertschöpfungskette befindet sich im Park, sodass Laborergebnisse schnell in Produkte umgesetzt werden können. Dieses „Full-Chain“-Clustermodell hat für IPAs, die Investoren für den Fertigungsbereich anziehen möchten, einen hohen Referenzwert. Der Bericht weist jedoch auch darauf hin, dass einige US-Cluster zwar neue Technologien entwickelt haben, aber durch die Auslagerung der Fertigung nach Asien die Erträge aus der Industrialisierung verloren haben. Dies zeigt, dass die Cluster-Kommunikation nicht nur die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, sondern auch die Industrialisierungsfähigkeit vermitteln muss.

Ein wichtiger Trend ist, dass sich die Clusterpolitik von der nationalen auf die regionale Ebene verlagert und zunehmend „offene Innovation“ und „globale Vernetzung“ betont. Beispielsweise gibt es in der EU mehrere Länder, die auf nationaler Ebene Clusterprogramme auflegen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit fördern. Bei der Vermarktung von Clustern richten sich IPAs nicht mehr nur an inländische Investitionen, sondern knüpfen an internationale Wertschöpfungsketten an, um Cluster zu Schlüsselknotenpunkten in globalen Produktionsnetzwerken zu machen.

Auch die Wahrnehmung der Investoren verändert sich. Sie betrachten Cluster nicht mehr als „kostengünstige Produktionsstandorte“, sondern als „Plattformen für Wissens-Spillover“. Ein Unternehmen, das sich in einem Cluster niederlässt, tut dies nicht nur, um seine eigenen Kosten zu senken, sondern auch, um die Forschungsressourcen, Zuliefernetzwerke, Fachkräfte und Risikokapital des gesamten Clusters zu nutzen. Daher sollte die zentrale Erzählung der Cluster-Kommunikation von „Was haben wir?“ zu „Was können wir miteinander schaffen?“ übergehen.

III. Methodischer Rahmen: Aufbau einer „Ökosystem-Erzählung“ für die Cluster-Vermarktung

Basierend auf internationalen Erfahrungen schlagen wir einen Rahmen der „Ökosystem-Erzählung“ vor, der IPAs dabei hilft, Industriecluster systematisch zu vermarkten. Dieser Rahmen umfasst fünf Schlüsselelemente:

1. Talentdichte und Mobilitätsnetzwerke

Talente sind das zentrale Kapital eines Clusters. Bei der Vermarktung sollten das Talentfördersystem der Region (Universitäten, Berufsschulen), die Talentmobilitätsmechanismen (Alumni-Netzwerke, berufliche soziale Kreise) sowie die Politik zur Anziehung externer Talente dargestellt werden. Beispielsweise können die Anzahl der Forscher, die Verbleibquote von Hochschulabsolventen und Fallbeispiele für unternehmensübergreifende Talentmobilität aufgezeigt werden.

2. Verbindung von Forschung und Industrialisierung

Betonung der Kooperationsmechanismen zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und der Industrie. Zum Beispiel öffentlich-private Forschungszentren, Technologietransferbüros und Prototyping-Einrichtungen. Es muss klar vermittelt werden, „wie aus Forschung Produkte werden“, anstatt Forschungsprojekte isoliert aufzulisten.

3. Kapitalökosystem und Risikobereitschaft

Frühphasenkapital ist der Treibstoff für Innovationscluster. Bei der Vermarktung sollten die Verfügbarkeit von lokalem Risikokapital, Angel-Netzwerken und staatlichen Innovationsfonds sowie erfolgreiche Exit-Fälle hervorgehoben werden. Investoren möchten wissen, ob es leicht ist, hier ein Unternehmen zu gründen und Finanzierung zu erhalten.### 4. Kooperationsnetzwerke und Zulieferer-Ökosystem Der Wert eines Clusters liegt in der Synergie zwischen den Unternehmen. In der Kommunikation sollte eine Ökosystemkarte der Branche präsentiert werden, die zeigt, wie führende Unternehmen, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Zulieferer Lieferketten und Kooperationsbeziehungen bilden. Konkrete Kooperationsprojekte können angeführt werden, aber kommerzielle Werbung sollte vermieden werden.

5. Institutionelles Umfeld und öffentliche Dienstleistungen

Dazu gehören stabile politische Rahmenbedingungen, vereinfachte Verwaltungsverfahren, Schutz des geistigen Eigentums, professionelle Dienstleistungen (Recht, Beratung) usw. Es ist jedoch zu beachten, dass dies Grundbedingungen und keine Unterscheidungsmerkmale sind. Die Differenzierung sollte aus den ersten drei Punkten resultieren.

Für den Kommunikationsweg empfehlen wir ein „Vier-Schritte“-Vorgehen:

  • Erster Schritt: Die einzigartige Kombination von Fähigkeiten des eigenen Clusters diagnostizieren und eine „ökologische Nische“ finden, die es von anderen Regionen unterscheidet.
  • Zweiter Schritt: Ein „Investoren-Narrativ“ aufbauen, das aus der Perspektive der Zielinvestoren die Frage beantwortet: „Warum kann ich hier erfolgreich sein?“
  • Dritter Schritt: Geeignete internationale Kanäle auswählen, um gezielt Unternehmen und Vermittlungsorganisationen der Zielbranchen zu erreichen (z. B. Fachmedien, Branchenverbände, Messen).
  • Vierter Schritt: Kontinuierliche Iteration und Anpassung der Kommunikationsstrategie auf der Grundlage von Investorenfeedback und Daten.

IV. Neue Richtungen, die Beachtung verdienen: Digitalisierung, KI und Geopolitik

In den nächsten drei bis fünf Jahren werden bei der Förderung von Industrieclustern neue Variablen auftreten.

KI-gestützte Clusteraanalyse: IPAs können künstliche Intelligenz nutzen, um Daten wie globale Patente, Investitionsströme von Unternehmen und Talentbewegungen zu analysieren, potenzielle Investoren und Partner zu identifizieren und sogar Entwicklungstrends von Clustern vorherzusagen. Auch Kommunikationsinhalte können von KI in personalisierten Versionen erzeugt werden, um die Effizienz der Ansprache zu erhöhen.

Digitale Kanäle und virtuelle Cluster-Präsentationen: Nach der Pandemie werden virtuelle Besichtigungen und Online-Matching zur Normalität. Aber virtuelle Präsentationen können den persönlichen Vertrauensaufbau nicht ersetzen. Daher müssen digitale Kanäle stärker mit Offline-Aktivitäten kombiniert werden, um eine Kette aus „Online-Wahrnehmung + Offline-Verifizierung“ zu bilden.

Geopolitik und Resilienz der Lieferkette: Die globalen Lieferketten befinden sich im Umbau, und die „Resilienz“ von Industrieclustern wird zu einer neuen Dimension, der Investoren Aufmerksamkeit schenken. IPAs sollten vermitteln, wie Cluster durch diversifizierte Lieferanten, lokalisierte Forschung und Entwicklung, Notfallmechanismen usw. Risiken reduzieren.

Nachhaltigkeit und soziale Inklusion: Investoren legen zunehmend Wert auf ESG-Leistungen (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Wenn bei der Cluster-Förderung Praktiken wie grüne Technologien, Kreislaufwirtschaft und gesellschaftliche Integration aufgezeigt werden können, fällt es leichter, die Gunst einer neuen Generation von Investoren zu gewinnen.

Fazit

Die Förderung von Industrieclustern ist keine einfache Aufgabe der Informationsverteilung, sondern ein Fachgebiet, das sich um den „Aufbau von Wahrnehmung“ dreht. Es erfordert, dass Praktiker tiefgreifend verstehen, warum Industriecluster Werte schaffen können, und diese Werte durch Narrative in das Vertrauen von Investoren übersetzen. Die globale Praxis zeigt, dass erfolgreiche Cluster-Förderung nie von einer einzelnen Übersichtsseite oder einer Investorenbroschüre abhängt, sondern von einer kontinuierlichen, auf Ökosystemen basierenden Kommunikationsstrategie. Angesichts des zunehmend intensiven internationalen Wettbewerbs müssen sich IPAs von „Verkäufern“ zu „Ökosystem-Übersetzern“ wandeln und lokale Innovationsgeschichten in eine Sprache übersetzen, die globale Investoren verstehen.

GlobalFDI-Seiten bieten institutionellen Kommunikationskontext. Inhalte sollten vor Beschaffung, Kampagnen oder Investitionsentscheidungen geprueft werden.

Quellen

https://www.nationalacademies.org/read/13386/chapter/9